2 Herzflimmern


3 Willi am See

Mit einem fast lautlosen Schnappen nach Luft schreckte Sophie aus dem Schlaf hoch. Sie hatte es gar nicht gewollt. Irgendeine Macht hatte sie dazu gezwungen, diese Welt, in der sie sich gerade noch befunden hatte, gewaltsam zu verlassen und nun die Augen aufzureißen. Das Bild, das sich ihr nun bot, war nicht minder tröstend... und zum Dahinschmelzen niedlich. Ihr kleiner schwarzer Kater schnupperte an ihrem Gesicht und blickte sie mit hellen braunen Augen an. Aus seiner Kehle drang ein gurrendes "Maua", was Sophie regelmäßig als "Mama" interpretierte. Der kleine Fellball hatte wohl inzwischen gelernt, dass er damit immer ihr Herz erreichte und es so schneller Futter gab. Aber nicht heute.

Seufzend sank Sophie in ihre Kissen zurück und versuchte, sich in ihre Traumwelt zurückzufühlen. Sie sah noch ganz deutlich die Bilder vor sich: die wärmende, freundliche Sonne des Frühsommers. Viele Menschen, die gutgelaunt am See durch einen weitläufigen Park spazierten. Der Duft des Wassers und der Bäume, die den See umgaben. Die Freiheit und Geborgenheit, die sie völlig eingenommen und überwältigt hatte, als sie mit diesem Mann sprach, den sie eigentlich überhaupt nicht kannte. Von dem sie sich aber sicher sein konnte - denn dieses Gefühl hatte er ihr ganz gewiss gegeben -, dass sie binnen weniger Augenblicke sein Herz erreicht hatte.
So verrückt es auch war: jetzt gerade in ihrem halbwachen Dämmerzustand vermisste sie ihn!
Und während sie versuchte, sich jedes Detail von ihm in Erinnerung zu rufen, beschäftigte sie sich wieder mit dieser einen Frage, die sie sich schon seit ihrer Kindheit stellte: Was geschieht eigentlich in der Welt der Träume, wenn wir Menschen aufwachen und unsere Seele den Traumcharakter verlässt? Wenn der Körper darin also nur noch eine Hülle ist, weil wir wieder in der Realität angekommen sind und dort vermeintlich Besseres zu tun haben. Was passiert mit den Menschen, die uns auf der anderen phantastischen Seite in ihr Herz geschlossen, vielleicht sogar lieben gelernt haben? Warten sie auf uns? Wissen sie, dass sie sich in einer parallelen, nicht real existierenden Welt befinden und suchen dort ihr Glück nun ohne uns? Weil sie wissen, dass unser Besuch dort nur ein kleiner Augenblick ist, von dem niemand weiß, wann er eintreten wird... und ob überhaupt.
Sophie war klar, dass es auf diese Frage niemals eine zufriedenstellende Antwort für sie geben würde. Aber eines konnte ihr niemand wegnehmen: ihre eigene Fantasie. Sie würde den Vorstellungen und Erinnerungen einfach noch eine Weile nachspüren und sich dann die Wahrheit aussuchen, mit der sie sich wohlfühlen konnte und die für sie stimmig war...
🪷
Dieser verdammte Rucksack war einfach mal wieder viel zu schwer! In seiner hellgrauen Farbe sah er so unscheinbar aus, aber irgendein Wichtel schien ihn nachts gegen Hermine Grangers Handtasche ausgetauscht zu haben, so viel ging da rein. Sophie war auf dem Weg zu der kleinen Förderschule, wo sie arbeitete und in kleinen Gruppen Kinder bei der emotional-sozialen Entwicklung unterstützte. Heute stand künstlerische Tätigkeit mit Holz und Farbe auf dem Programm, weshalb sie gefühlt eine halbe Werkstatt auf ihrem Rücken trug.
Der Frühsommer war in vollem Gange und zeigte sich seit den frühen Morgenstunden von seiner schönsten Seite, weshalb Sophie sich eigentlich viel zu früh aufgemacht und nun noch sehr viel Zeit hatte. Der Weg zur Bushaltestelle führte sie jeden Tag durch diese riesige Parkanlage, wo auf der einen Seite des Weges dunkle, dicht gewachsene und duftende Bäume wuchsen und sich auf der anderen Seite der spiegelnde, glitzernde See erstreckte. Da es noch früh am Morgen war, begegneten ihr nur wenige Menschen, die meisten davon mit Hunden.
Sophie genoss die Ruhe sehr. Gutgelaunt schritt sie über den hellen Kiesweg, dachte an alles und nichts und freute sich auf den Tag.
Das kleine gemütliche Arrangement von einem Zelt und einer Bank- und Tischgarnitur am Ufer des Sees kam ihr bekannt vor, als sie darauf zuschritt. Gleichzeitig fiel ihr auf, dass sie sich noch nie damit beschäftigt hatte, ob man hier auf der Uferwiese campen durfte. Inmitten einer öffentlichen Parkanlage, völlig ungeschützt und durch jeden erreichbar? Naja, sie würde sich darüber später Gedanken machen, erstmal wollte Sophie die Gelegenheit nutzen und sich einen Augenblick ausruhen. Diesen schweren Rucksack abstellen und ihren schmerzenden und schwitzenden Rücken eine Weile entlasten. Mit einem lauten Seufzer plumpste sie auf eine der beiden Bierzeltbänke und begann mit dem Blick auf den See gerichtet, blind nach ihrer Wasserflasche zu suchen. Irgendwo musste sie doch sein, sie hatte sie doch ganz gewiss heute morgen aus dem Kühlschrank geholt und...
"Du siehst aus, als könntest du einen Schluck Wasser vertragen." Rumms, da landete eine große silberne Stahlflasche auf dem Tisch neben ihr, bereits zum Trinken geöffnet. "Du kannst Gedanken lesen" erwiderte sie, griff danach und ließ während des hastigen Trinkens die tiefe, eindringliche Stimme in ihre Kopf nachwirken, die sie angesprochen hatte. Sie war ihr gänzlich unbekannt, aber sofort angenehm und vertraut. Beinahe hätte sie sich verschluckt, setzte aber noch rechtzeitig die Flasche ab und stellte sie auf den Tisch zurück. In dem Moment kam ihr Retter vor dem Verdursten langsam an ihr vorbei, stellte sich lächelnd vor sie und drehte die Wasserflasche wieder zu.
Beide blickten sich eine Weile stumm in die Augen, als würden sie ohne Worte sprechen und erstmal den Grund der Seele des jeweils anderen ergründen wollen. Seine warmen Augen blitzen unter den dunklen, leicht zerzausten Haaren hervor. Normalerweise war Sophie schnell von der Größe eines Mannes eingeschüchtert, erst recht, wenn er auch noch so athletisch gebaut war. Aber er hier? Fehlanzeige! Irgendwas zog direkt an ihrem Herzen und sie musste sich auf die Zunge beißen, um ihm nicht direkt ihre ganze Lebensgeschichte zu erzählen.
"Ich bin etwas irritiert", begann sie zögerlich. "Du lebst hier? Ist das überhaupt erlaubt?" Ihr Blick wanderte hinunter ans Wasser, wo sie eine ausgeworfene Angel und einen Anglerstuhl ausmachen konnte. "Warte mal..." Sophie unterbrach sich selbst und hielt sich eine Hand vor ihre Augen, um sich ungestört erinnern zu können. Sein lockerer Look aus grauer Outdoorhose und weißem Tanktop machte sie ziemlich kribbelig im Kopf und die Tatsache, dass er immernoch lächelnd vor ihr in die Hocke ging, half auch nicht wirklich. Genauso wenig sein sportlich frischer Duft. Seine gesamte Wirkung auf sie war schon irgendwie... unverschämt intim und direkt. Shit!
"Ich erinnere mich", schoss sie fingerwedelnd los, nachdem ein Zeitungsartikel in ihrer Erinnerung aufgeblitzt war. "Es gab da diesen Bericht über ein Interview mit dem Bürgermeister. Du bist hier stadtbekannt als derjenige, der eben hier draußen leben darf. Am See, im Wald, hier auf der saftigen Uferwiese. Aber nicht, weil du musst, sondern weil du es magst." Er nickte anerkennend und der leichte Wind spielte mit seinem dunklen Haar über der Stirn. "Schlaues Mädchen, ich bin beeindruckt." Es ratterte weiter in Sophies grauer Masse. "Du bist Willi, der Mann am See."
"Das ist richtig. Und du bist...?"
"Sophie", brachte sie nun fast flüsternd hervor. Dass er sich nun zwinkernd neben ihr niederließ, brachte sie ziemlich aus dem Konzept. Was hatte er nur an sich? Er war ihr so vertraut, als kannten sie sich schon ewig, dabei hatte sie noch nie ein Wort mit ihm gesprochen. Sie kamen ins Gespräch über sich, über das Leben, über die Welt. Sie philosophierten, lachten, tranken gemeinsam aus der Stahlflasche, genossen die Sonne, schwiegen auch mal und blickten auf das glitzernde Wasser hinaus. Irgendwann verspürten beide das Gefühl von Ewigkeit, verloren sich in der Leichtigkeit des Seins, die Sorgen des Lebens waren zwar da, aber für den Zauber des Augenblicks nicht greifbar. Sophie fühlte sich bald schwerelos, als schien sie zu schweben, in der Luft zu zerfließen, ein Bestandteil des leise rauschenden Wassers zu sein, ein Molekül im Element der sanften, warmen Luft.
Ihr System kannte das nicht. Die Vergangenheit hatte sie geprägt, Menschen waren nicht gut mit ihr umgegangen. Leichtigkeit, Entspannung und Loslassen meldeten in ihr Gefahr, denn Augenblicke der Unaufmerksamkeit hatten damals Konsequenzen für Geist und Seele. In ihrem Kopf begann es zu rauschen, die leichte, flirrende Luft schien schwer und klebrig zu werden. Der schwarze Nebel - so nannte Sophie dieses Gefühl von Schwäche, was sie schon allzugut kannte und jedes Mal aufs Neue fürchtete - kroch langsam und unaufhaltsam über die Wirbelsäule hinauf in ihren Nacken und erreichte schließlich ihren Kopf, floss hinüber und drückte ihr die Augenlider zu.
"Willi, hilf mir", flehte sie noch, während sie zur Seite kippte und ihre Hand nach ihm ausstreckte. Willi fiel aus allen Wolken. So etwas hatte er noch nicht erlebt, aber das war jetzt völlig egal. Er griff nach ihren Schultern, zog sie an sich und hielt sie einfach fest. Während ihr die Lichter ausgingen, fühlte Sophie sich geborgen und geschützt. Sie ließ los und nahm ganz ruhig wahr, wie der dunkle Sirup sie umhüllte. Nur einen Moment lang, als würde er schneller wieder verschwinden, wenn sie vor ihm keine Angst hatte. Sie konzentrierte sich auf die singenden Vögel, das zarte Flüstern des Windes an ihren Ohren und sein Herz, dass ganz nah an ihrem Gesicht kräftig und regelmäßig schlug. Nach wenigen Augenblicken schon hatte sie sich an die Oberfläche zurückgekämpft und löste sich langsam aus seiner Umarmung.
Mit verschämten Blick suchte sie seine Augen... und erntete Wohlwollen und Zuneigung.
"Es tut mir Leid", begann sie.
"Muss es nicht."
"Aber das... Ich wollte dich nicht erschrecken."
"Hast du nicht. Es scheint Teil von dir zu sein. Und das ist okay."
Sein Lächeln und das warme, zarte Streichen über ihren Rücken entwaffneten sie komplett. All ihre Scham und das schlechte Gewissen verschwanden und sie nahm sich vor, ihm ganz ohne Druck bald zu erklären, was passiert war und wo es seinen Ursprung hatte.
Sophie seufzte schwer und blickte auf ihr Handy, was ihr unbarmherzig die aktuelle Uhrzeit entgegen zu schreien schien. "Ich muss los." Er nickte nur, half ihr auf und griff nach dem schweren Rucksack, damit sie ihn sich nicht allein auf den Rücken schleudern musste.
Mit einem schnellen, hauchzarten Kuss auf seine Wange verabschiedete sie sich - nur um nochmal festzustellen, dass sein Duft ihre Sinne wirklich bekloppt machte. Na toll, das hatte sie sich nicht gut überlegt! Und dann setzte sie ihren Weg zur Bushaltestelle fort, die am anderen Ende des Parks lag. Bis dahin würde sich die Landschaft noch einmal sehr verändern. Eine Gegebenheit, die Sophie an ihrer Heimat hier liebte.
Beim Eintreffen an der Haltestelle war sie nicht allein. Es tummelten sich viele laute Touristen um sie herum, die an diesem malerischen Ort ihre Tagestour in die Umgebung starten wollten. Sophie blendete mit ihren Airpods, durch die sie sanfte Musik und Wasserrauschen abspielte, die Welt um sich herum aus und konzentrierte sich auf den feuchten moosigen Duft und die kühle Brise, die nun von den hohen, zerklüfteten Felsen auf sie abstrahlte. Das kleine Glashaus der Haltestelle stand direkt neben einer Felswand, von der klares Wasser durch das satte grüne Moos hinuntertropfte und so nah an der Straße gelegen war, dass Sophie mit ihren Händen durch das kalte nasse Geflecht streichen konnte. Gedankenverloren genoss sie den Zauber des Augenblicks, ließ noch einmal die Begegnung mit Willi auf sich wirken... und wurde dann irgendwann durch die Ankunft des Busses unterbrochen, der sich schnell füllte und alsbald einer Sardinenbüchse Konkurrenz machen konnte.
Der Vormittag schien nicht schnell genug vergehen zu können. Eigentlich liebte Sophie ihre Arbeit mit den Kindern in diesem alten Gebäude, in dem viele Fenster verbaut worden waren und großzügig das Sonnenlicht hereinließen. Warm flutete es über die Tische, ließ das knarrende Holz des Fußbodens wie Honig leuchten und machte jedes elektrische Licht überflüssig. Die kleine Gruppe von Kindern unterschiedlichen Alters beschäftigte sich bald nach ihrem Können mit der Farbe und dem Holz, versank ganz in ihrer kreativen Welt und kam zur Ruhe, sodass Sophie auf jedes Kind eingehen und mit ihm sprechen konnte. Manche erzählten ihr freudig vom gestrigen Tag. Manche waren frustriert, dass ihre Feinmotorik beim Gestalten noch nicht so wollte, wie sie sich das vorstellten. Andere weinten hemmungslos, weil sie mit ihrem Zuhause überfordert waren und ihre kleinen Kinderherzen keine Gefühle mehr aufnehmen konnten.
Auch wenn Sophie heute mit ihren Gedanken ganz woanders war und selbst gerne jemandem ihr Herz ausgeschüttet hätte, so spürte sie doch, dass sie hier heute genau richtig war: an diesem Ort, zu dieser Zeit, bei den kleinen Seelchen, in dieser Welt. Sie wurde gebraucht.
Als sie nach getaner Arbeit das alte romantische Fachwerkgebäude wieder verließ, hatte sie nur eines im Kopf. Oder einen. Willi am See! Sie musste wissen, was das heute morgen gewesen ist, was sie gefühlt hatte... und warum eine unsichtbare Macht sie sanft, aber unaufhaltsam stark wieder an diesen Ort zog. Zu diesem Menschen. Während der Busfahrt zurück zum See stellte sie sich vor, wie auch er ungeduldig in seinem Anglerstuhl saß, immer wieder aufstand und zur Bank ging, auf der sie zusammen gesessen hatten, wieder zurück ans Wasser schlurfte, weil er einfach keine Ruhe finden konnte. Solange nicht, bis sie wieder bei ihm war. Sie sah die Szene vor sich, als würde sie von den Wolken aus zuschauen oder sie im Fernsehen betrachten. Eine feste Gewissheit erfüllte sie, dass sich alles gerade genauso abspielte und dass Willi selbst gerade große Unruhe in sich fühlte.
Nach schier endlosen Augenblicken hielt der Bus, der erneut mit Touristen überfüllt gewesen war, an der moosigen Felswand und Sophie kämpfte sich durch die kleine Doppeltür ins Freie. Ihr Rucksack war zum Glück nun fast leer und würde sie nicht daran hindern, schnell zu Willi zurückzukehren.
"Hallo, Sophie! Du hier? Wie lange haben wir uns jetzt nicht mehr gesehen...?"
Oh nein!
Nicht er!
Nicht hier!
Nicht jetzt!
"Phillis? Was machst du hier?" Sophie drückte sich schon fast an die Felswand hinter ihr, um Abstand zu bekommen. Er war schon wieder zu nah, so wie früher.
"Ich wollte dich sehen. Ich habe dir nämlich was zu sagen."
"Und das kannst du nicht, ohne deinen Arm um mich zu legen? Ich mag das nicht..." Phillis war kaum größer als sie und bei Weitem keine furchteinflößende Person, aber bei seinem feisten Grinsen und der anhänglichen Art wurde ihr übel. Sein Arm wog schwer auf ihren Schultern und sie drehte und wendete sich, um sich aus seiner Umklammerung zu befreien. Ein paar Meter in Richtung See schaffte sie, dann hing er wieder an ihr. Sie vernahm diesen unangenehmen, schwer süßlichen Geruch von Maschinenöl, auch wenn sich ihr Phillis' Blaumann nahezu makellos sauber präsentierte. Ihre Nase würde niemals vergessen, nie!
"Phillis, lass mich!" Die blanke Panik kochte in ihr hoch und schoss über wie ein Topf mit Nudelwasser auf dem Induktionsherd. Nachdem sie sich ein weiteres Mal aus seinem Griff gewunden hatte, begann sie zu rennen, aber es ging viel zu langsam. Ihre Füße waren so schwer, trugen sie kaum vorwärts und im Nu hatte ihr Verfolger sie wieder eingeholt.
"Hier will ich mit dir leben, schau mal!" Und nach nur wenigen Metern hatten sie eine Art kleinen Aussichtsturm erreicht, der im Wald zwischen den Bäumen versteckt lag. Weiß gestrichen und mit einem runden, dunkelgrauen Kegeldach. So hoch und schmal, dass das Gebäude niemals einen bewohnbaren Raum beherbergen konnte. So hatte sich Sophie als Kind den Turm von Rapunzel vorgestellt, nur dieser hier schien in der Waschmaschine zu heiß gewaschen worden und eingelaufen zu sein.
Mit ihr fest im Griff schloss Phillis die Tür auf und schubste sie hinein. "Siehst du, wie schön es hier ist? Hier kommst du nie wieder raus und wirst für immer bei mir sein." Sophie überlegte nicht, sondern flüchtete nur die Stufen hinauf. Sie hatte Recht gehabt mit ihrer Vermutung: der Turm bestand wirklich nur aus Treppen mit weißen Fliesen und dunkelgrauen Fugen. Auf den Absätzen zwischen den Stufen stand mal ein Sessel, auf dem nächsten Absatz ein kleiner Herd, ganz oben unterm Dach ein schmales Bett. Ansonsten gab es hier nichts. Wirklich nichts! Phillis hielt sie immernoch an ihren Knöcheln fest.
"Hier ist es perfekt für uns. Hier werden wir bleiben."
Sophies eingefrorene Stimme erwiderte nichts, sie schüttelte ihn endlich irgendwie ab, rannte die Stufen wieder hinunter und erreichte das Freie. Er hatte die Tür nicht abgeschlossen, was für ein Glück!
Willi! Da musste sie jetzt hin, ihn musste sie irgendwie erreichen.
Aus der Ferne konnte sie ihn schon in ihre Richtung rennen sehen, sein weißes Tanktop von heute morgen leuchtete in der späten Mittagssonne. Er schien auf ihre Rückkehr gehofft und den Weg beobachtet zu haben. Nur so konnte er begriffen haben, dass sie in Schwierigkeiten steckte. Mit einem hastigen Blick zurück stellte Sophie erleichtert fest, dass sie Phillis abgehängt hatte, so sehr er sich auch anstrengte, sie wieder zu erreichen. Ihre Beine hatten zu ihrer Kraft zurückgefunden. Ja - sie würde es schaffen und bald Willis sichere Umarmung spüren!

"Mmmaua! Prrrrrrr, prrrrrrrr!"

Willi warf alarmiert seinen Feldstecher beiseite, sprang über seine Bierzeltgarnitur und hastete Sophie entgegen, die zuvor verfolgt von einem ihm unbekannten Mann im blauen Arbeitsanzug in diesem verdammten neuen Aussichtsturm verschwunden war. Dieses Ding war einfach gefühlt über Nacht aus dem Boden gestampft worden. Niemand hatte gewusst, was es plötzlich damit auf sich hatte. Nachdem Sophie heute morgen für einen Augenblick in seinen Armen zusammengesunken war, zählte er nun eins und eins zusammen.
Sie brauchte ihn! Jetzt!
Was auch immer sie in ihm heute morgen für Saiten in Schwingungen gebracht hatte, es war nachhaltig gewesen. So ehrlich, so verletzlich, so tief... und er wollte es um jeden Preis wieder spüren!
So lange er die Chance dazu hatte.
Solange sie ihm in dieser Welt geschenkt war.
Bis ihre Seele an einem anderen Ort wieder gebraucht werden würde.
Jede Sekunde würde es wert sein.
Sie hatte sich aus diesem verfluchten Turm endlich wieder hinausgekämpft und rannte ihm nun entgegen. Den Rucksack hatte sie längst an die Seite geworfen, ihr weißes Shirt strahlte in der Sonne und reflektierte das Glitzern des Wassers. Sie würde wieder bei ihm sein!
In dem Moment hielt sie an, richtete ihren Blick zum Himmel, dann zu ihm... und brach zusammen.
Ihre Zeit war abgelaufen.
Und sein Herz zerbarst in Millionen kleine Scherben.