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14 Schmetterlingsbachata


Nach weiteren Minuten peinlichen Schweigens und drei besorgten und einem verachtend dreinblickenden Augenpaaren auf meine Wenigkeit verließen wir schließlich das Café. Serafina war augenblicklich ohne ein weiteres Wort verschwunden. Stella hatte sich bei Dave untergehakt und ihn mit zügigen Schritten in Richtung Zeltplatz geführt, da er sie inzwischen über die Verbindung zwischen Dion und mir löcherte. Meinem Bruder war die fast schon intime Verbindung zwischen Dion und mir aufgefallen und wollte nun alle Einzelheiten der vergangenen Tage in Erfahrung bringen. Eigentlich sollte ich mir darum Sorgen machen, aber ich verließ mich ganz auf Stella, dass sie die richtigen Worte finden und die Paranoia meines Bruders in Schach halten würde.
Dion, der meinem Gleichgewicht immernoch nicht vertraute - womöglich berechtigterweise -, hatte eine Hand auf meinen Rücken gelegt und führte mich in langsamem Schlendertempo über den Kieselsteinparkplatz. Ich versuchte die Gänsehaut zu ignorieren, die alle paar Sekunden über meinen gesamten Körper jagte, und einen klaren Gedanken zu fassen. Serafinas Pseudoentschuldigung bereitete mir mittlerweile ernsthaft Sorgen. Solche Charaktere wie sie habe ich damals in den Schnulzenfilmen mit meiner Mutter zur Genüge gesehen und wir wussten doch alle, dass solche Frauen wirklich gefährlich werden konnten. Aber vielleicht war Dave hier gerade nicht der einzige, der Paranoia schob.
Ich atmete tief durch und warf einen verstohlenen Blick auf Dion. Auch er schien nachdenklich, seine Kiefermuskeln waren angespannt, als ob er mit etwas kämpfte, das er nicht sagen wollte. Das Schweigen zwischen uns dehnte sich aus.
„Du glaubst ihr nicht, oder?“ brach ich endlich die Stille. „Serafinas Entschuldigung?“
Dion blieb stehen, drehte sich langsam zu mir um und hielt meinen Blick fest. „Viel wichtiger ist, was du glaubst. Was sagt dir dein Bauchgefühl?“ Seine Stimme war ruhig, aber da war ein Hauch von Besorgnis in seinen Augen.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ehrlich gesagt kann ich ihr das nicht abnehmen. Es war… zu einfach, zu schnell, zu unüberlegt. Ich weiß nicht, was sie in ihren Gedanken herumschwirrt, aber das ist noch nicht vorbei. Da kommt noch was.“ Meine Stimme zitterte leicht, als ich die Worte aussprach. Ich hatte immer noch das Bild von Serafinas perfekt geformtem Lächeln vor mir und es wirkte auch jetzt noch so unheimlich auf mich.
Dion machte einen Schritt auf mich zu und legte sanft seine Hand auf meinen Arm. „Du bist nicht allein, Franka. Wenn sie noch etwas vorhat, werde ich es hoffentlich rechtzeitig wissen… und gegebenenfalls verhindern.“ Seine Worte hatten Gewicht, und ich spürte, wie mein Herz wieder schneller schlug. Offensichtlich machten sich die Schmetterlinge in meiner Bauchregion wieder warm für den nächsten Tanz. Er war nicht der Typ, der große Versprechungen machte, aber das hier fühlte sich wie eines an.
Ich schluckte schwer und nickte. Ich wollte ihm unbedingt glauben, aber etwas Unsicherheit blieb hartnäckig in mir zurück. So sehr ich auch Dion vertraute, aber Serafina traute ich nur so weit, wie ich sie werfen könnte. Nämlich gar nicht! „Du kennst sie besser als ich,“ meinte ich schließlich leise, „glaubst du, dass sie dich in etwas hineinziehen will? Auch wenn ich gerade keine Vorstellung davon habe, was hier eigentlich los ist, aber ich habe da so ein Gefühl…“
Dion zog die Augenbrauen zusammen und sah einen Moment in die Ferne, als würde er etwas in der Tiefe seiner Gedanken suchen. „Serafina ist… eigenwillig. Sie gibt so schnell nicht auf. Und es ist möglich, dass sie noch etwas im Köcher hat. Aber das bedeutet nicht, dass es gefährlich für dich werden muss. Das traue ich ihr nun wirklich nicht zu.“ Er fand mit ernsten Augen wieder den Blick zu mir.
„Bist du dir sicher?“ Ich fühlte, wie die Angst in mir aufstieg. Ich hatte keine Lust, noch einmal in so eine Situation zu geraten, vor allem nicht, wenn Dion ebenfalls involviert war. Ich wusste, dass meine Gefühle für ihn tiefer wurden, das konnte ich inzwischen nicht mehr leugnen. Über die Konsequenzen dachte ich lieber jetzt erstmal nicht nach. Aber dass Serafina sehr leicht in der Lage war, das frische, zarte Band zwischen uns wieder aufzulösen - alleine der Gedanke daran machte mich schon schwindelig.
Dion trat noch näher, seine Stimme war jetzt nur noch ein Raunen. „Ich bin mir sicher, dass du stark genug bist. Sie wird dir nichts anhaben können, wenn du das nicht zulässt.“ Unsere Blicke verhakten sich und für einen Moment schien die Welt um uns herum stillzustehen. Zwischen uns veränderte sich die Luft – da war diese unerklärliche elektrisierende Spannung, die mit ihm in meiner Nähe immer da war. „Hm“, machte ich nur leise und nickte ganz langsam, als weiße blitzende Lichter vor meinen Augen zu tanzen begannen und die Erde plötzlich zur Seite kippte. Oder war ich es?
„Und wir setzen uns nochmal“, witzelte Dion, griff mir unter die Arme und ließ mich sanft auf eine leere Zeltwiese gleiten, an der wir inzwischen angekommen waren. Als er neben mir saß, holte ich ein paarmal tief Luft und die Welt hielt langsam wieder an. „Entschuldigung“, murmelte ich peinlich berührt. „Es tut mir wirklich Leid.“
„Das muss es nicht“, erwiderte Dion. „Du wirst einfach über alles sprechen, wenn du bereit dazu bist. Vorher macht das sowieso keinen Sinn.“ Dieser verdammte Unfall machte aus jeder Kleinigkeit mittlerweile ein großes Problem. Dion hatte Recht, ich musste ihm bald davon erzählen, damit ich endlich meinen Frieden finden und meine Seele heilen konnte. „Ich brauche noch etwas Zeit“, sinnierte ich mehr zu mir selbst. „Ich habe noch nicht den Mut…“
„Ich bin mir sicher, den wirst du bald finden.“ Dion nahm meine Hand aus meinem Schoß und drückte sie sanft. „Was ist eigentlich aus meiner Einladung geworden, die ich dir neulich Abend auf der Dinnerparty ausgesprochen habe? Hast du dir darüber nochmal Gedanken gemacht?“
Oh, das Thema gefiel mir jetzt wieder! Ich seufzte tief und lächelte unwillkürlich. Allein die Vorstellung, mit ihm zwei Tage allein zu sein, Sportwagen zu fahren, gemeinsam zu essen, zu tanzen, zu reden… Meine Schmetterlinge legten jetzt eine heiße Bachata aufs Parkett!
Als ich Dion wieder anblickte, zuckten vielversprechende Blitze durch seine grauen Augen. Vorfreude und Euphorie konnte ich deuten, aber da war noch etwas anderes. Etwas Intimes, Geheimnisvolles, sanft und zugleich feurig. Das Spiel mit Feuer und Leidenschaft, an dem ich mich so schnell, aber auch so gerne verbrannte. „Ich komme gerne mit“, antwortete ich schließlich und meine Stimme war ganz kehlig und dunkel geworden. Sie verriet viel mehr über mich als ich es eigentlich vorhatte, zuzulassen. Auch Dion war es nicht entgangen. Seine Nasenflügel weiteten sich, er sog hörbar angestrengt die Luft ein und musste kurz zur Seite blicken, um die Beherrschung nicht zu verlieren. Dann kam er ganz nah und strich mit seinem Daumen unter sanftem Druck über meine Lippen. Um Himmels Willen, ich würde mich vorerst nicht von dieser Wiese erheben können!
„Du wirst nicht eine Sekunde bereuen“, versprach er raunend und schluckte schwer. „Ich muss jetzt gehen, Franka!“, verkündete er, seine Augen immernoch fest auf meine Lippen geheftet. „Ich, ähm…“ Er räusperte sich leise. „Ich hole dich morgen Vormittag hier ab.“ Dann nickte er selbst, während er sich eilig erhob. Hatte da etwa gerade jemand die Fassung verloren? Er? Dion? Wegen mir? Stand die Welt etwa immernoch Kopf oder was hatte ich da jetzt verpasst?
Dion zog seine Sonnenbrille vom Kopf hinunter auf die Nase und blickte nochmal sich vergewissernd auf mich herab. „Dir geht‘s soweit…?“
„Mir geht’s gut!“, unterbrach ich ihn amüsiert und versuchte, ihm damit einen würdevollen Abgang zu ermöglichen. „Wir sehen uns morgen.“
„Ja, ich… Ja!“ Damit drehte er sich hastig um und joggte mit großen Schritten auf seinen Sportwagen zu, wendete eilig und brauste mit hochfliegenden Kieselsteinen unter seinen Reifen in Richtung Straße.
Das musste ich jetzt erstmal verdauen. Dass Dion mich mit seiner Art, seiner Erscheinung, seinem ganzen Sein mehr als fasziniert hatte, war ja kein Geheimnis mehr. Er gehörte zu den Menschen, die bereits in einer ganz anderen Liga spielten als ich, in anderen Sphären schwebten. Ehrlich gesagt konnte ich mir keinen Reim darauf machen, warum er sich eigentlich mit mir abgab, denn ich hatte nicht wirklich etwas zu bieten. Mir war der Gedanke zwar absolut zuwider, aber realistisch betrachtet machte es viel mehr Sinn, dass er Zeit mit Serafina verbrachte. Ich kannte sie zwar überhaupt nicht, aber sie machte den Eindruck einer erfolgreichen Geschäftsfrau, schien genau zu wissen, was sie wollte und worauf es ankam, wenn man im Leben etwas erreichen wollte. So rein theoretisch. Von den zwischenmenschlichen Aspekten wie Respekt und Höflichkeit mal abgesehen. Aber wenn wir beiden Frauen uns miteinander verglichen, dann war sie Dions Welt und seinem Leben um Lichtjahre näher als ich. Zumindest vom jetzigen Standpunkt aus gesehen. Es gab definitiv eine Menge Fragen in meinem Kopf, die ich für mich bis morgen konkretisieren musste, um sie Dion zu stellen.
Ich seufzte tief, zog die Beine an und machte Anstalten, mich von der Wiese zu erheben. Stella würde Dave mittlerweile alles erzählt haben und brannte sicherlich schon auf neue Informationen, die ich ihr fairerweise nicht vorenthalten wollte.
„Nicht so schnell! Lass mich dir helfen“, hörte ich eine mir inzwischen gut vertraute Stimme heraneilen und blickte in die Richtung, aus der sie kam. Und richtig! Angelo kam mit fliegenden Locken über die Wiese auf mich zugelaufen und hatte mir im nächsten Moment schon unter die Arme gegriffen.
„Angelo? Was…?“
„Ich hab alles gesehen“, meinte er schnell, seine Stimme klang scharf wie ein Schwert und seine sonst so goldenen Augen glichen eher der dunklen Erde, aus der man sonst das Gold schürfte. „Hier, trink das!“, befahl er und drückte mir eine kleine Wasserflasche in die Hand. Als ich immernoch ganz perplex keine Anstalten machte, sie zu öffnen, griff er kurzerhand selbst nach dem Deckel und zog ihn ab. Na gut, ich kam seiner Aufforderung nach und trank einen Schluck - aber ich hatte Fragen!
„Was hast du gesehen? Du bist ja völlig in Rage. Willst du mir nicht sagen, was los ist?“ Ich gab Angelo die Wasserflasche zurück und wappnete mich innerlich gegen das, was jetzt kommen würde, auch wenn ich bei aller Liebe nicht die geringste Ahnung hatte.
„Dion! Ich hab gesehen, wie dir schlechtgeworden ist und er dich jetzt so hier alleingelassen hat. Was ist passiert? Hatte er etwa einen berechtigten Grund, so schnell zu verschwinden?“ Die Plastikflasche knisterte in seiner Hand, so fest drückte er sie zusammen.
„Warte mal…“ Die gedanklichen Puzzleteile fielen in meinem Kopf zu einem Bild zusammen und es gefiel mir ganz und gar nicht. „Willst du gerade wissen, ob Dion mir was getan hat und nun geflüchtet ist, damit es keiner bemerkt?“ Angelo atmete schwer, setzte sich auf die Wiese und nahm nun selbst einen Schluck aus der Wasserflasche. „Wer weiß das schon“, grummelte er mehr zu sich selbst als zu mir. „Aber dir geht‘s gut, ja?“ Sanft strich er an meiner Hand entlang, die er aus seiner sitzenden Position erreichen konnte.
Ich lachte kurz nervös, verwirrt von seiner absurden Anschuldigung, die er da gerade geäußert hatte. „Ja, natürlich“, erwiderte ich und setzte mich ihm gegenüber. „Es lag an mir. Ich hab Einiges… zu verarbeiten und das überwältigt mich manchmal.“
Angelos Blick wurde nun wieder weich und strahlte die warme Vertrautheit aus, die mir in den letzten Tagen so liebgeworden war. „Es überwältigt dich? Das klingt nicht gut, Franka.“ Er rutschte näher an mich heran, zog mich an sich und ich verbarg mein Gesicht an seiner Schulter. Es fühlte sich wieder so tröstend und vertraut an, so ein Gefühl von Sicherheit, wie gestern unter dem Olivenbaum, als ich ihm von meinem Leben erzählt habe. Meine Gedanken wirbelten gerade wild herum, aber Angelo schaffte es durch seine bloße Anwesenheit, das Tempo herauszunehmen und mir einen Moment des Durchatmens zu bereiten.
„Du weißt, dass du mir immer alles sagen kannst. Was es auch ist…“, meinte er noch und küsste mich auf den Kopf. Ich hatte das Gefühl, als würde in meinen Adern süßer Honig fließen. Ja, es gab eine Menge, worüber ich hätte sprechen können. Aber Angelo war mit Entschiedenheit nicht der richtige Gesprächspartner, wenn es darum ging, mir meiner Gefühlswelt ihm und Dion gegenüber klarzuwerden. Aber eine Sache musste er auf jeden Fall erfahren!
„Dion holt mich morgen ab und wir verbringen den Tag zusammen“, erzählte ich unvermittelt und spürte direkt, wie Angelos Schultern in sich zusammensackten. Ich beschloss, die Situation als Aufhänger zu nehmen und nachzufragen.
„Klär mich mal auf“, begann ich, nachdem ich mich von seiner Schulter gelöst hatte und ihm wieder ins Gesicht blicken konnte. „Warum bist du ihm gegenüber so skeptisch? Hat er dir etwas getan?“
Angelo schüttelte den Kopf, blickte zu Boden und zupfte nervös ein paar Grashalme aus. „Mir nicht“, erwiderte er leise. Ich hatte gerade Luft geholt, um etwas zu sagen, da hob er die Hand und unterbrach mich.
„Alles, was ich dir sagen kann, ist, dass du einfach vorsichtig sein solltest. Dion ist nicht immer der, der er zu sein scheint. Niemand kennt wirklich die ganze Wahrheit. Jeder hat seine eigene Version von dem, was passiert ist.“ Angelo erhob sich entschlossen, was auch mich dazu veranlasste, aufzustehen.
„Was ist denn damals passiert?“, hakte ich nach. In mir tobte der Sturm - ich fühlte alles auf einmal. Wut, weil mir offensichtlich niemand die Wahrheit sagen wollte. Verwirrung, weil ich mich scheinbar überhaupt nicht mehr auf mein Bauchgefühl verlassen konnte. Dankbarkeit, weil ich Angelo offenbar sehr viel bedeutete, sonst würde er mich ja nicht vor Dion warnen. Zerrissenheit, weil ich einfach nicht mehr wusste, wem ich Glauben schenken sollte. Und immernoch die tanzwütigen Schmetterlinge in mir, die allein schon bei dem Gedanken an Dions Nähe Feuer fingen.
„Das solltest du ihn am besten selbst fragen“, empfahl mir Angelo, legte eine Hand an meinen Hals und küsste mich. Aber nicht so vorsichtig, wie gestern unterm Olivenbaum. Das war ein richtiger Kuss, voller Leidenschaft, intensiv und voller Versprechen auf mehr. In meinem Körper begann es zu kribbeln und Hitze stieg in mir auf.
Aber so unvermittelt wie es begonnen hatte, endete es auch wieder. Angelo löste sich von mir und sah mich noch einmal eindringlich mit seinen goldenen Augen an, die sich nun aus anderen Gründen verdunkelt zu haben schienen. „Pass auf dich auf! Wir sehen uns bald“, versprach er und verschwand dann in die Richtung, aus der er gekommen war.
Nicht nur Dion verstand es also, verwirrende Abgänge hinzulegen. Hatte das etwa mit mir zu tun? Irgendwas schien ich doch hier zu übersehen.